dominique hille ° the later stages of nigredo

Pop-up Ausstellung vom 1. bis 12. Juli 2026
Vernissage ° Samstag ° 11. Juli 2026 ° von 14 bis 18 Uhr
Mit Konzert der Band „Deine Hoffnung“ am 11. Juli um 16 Uhr

Weiterführende Links:

Website der Künstlerin: https://www.instagram.com/dominiquehille_
„Deine Hoffnung“ auf Bandcamp: https://deine-hoffnung.bandcamp.com/

Dominique Hille in ihrem Dresdner Atelier (2026) © Foto: Adam Dreessen

The Later Stages of Nigredo

von Katharina Arlt

Mit dem Titel The Later Stages of Nigredo greift Hille einen Begriff aus der alchemistischen Tradition auf, den der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung in seinen späteren Schriften als Bild einer Phase der Auflösung und inneren Wandlung deutet. Die Erfahrungen, aus denen diese Überlegungen hervorgehen, hielt Jung bereits zwischen 1913 und 1930 im Liber Novus, dem sogenannten Roten Buch, fest – einer Selbstanalyse C. G. Jungs aus Visionen, Bildern und Dialogen mit dem Unbewussten, das den Ausgangspunkt seiner späteren Analytischen Psychologie bildet. Nigredo bezeichnet dabei keinen Endzustand, sondern einen Schwellenmoment, in dem vertraute Ordnungen zerfallen und die Voraussetzungen für Transformation entstehen. Hilles Arbeiten verorten sich in einem vergleichbaren Zwischenraum: zwischen Orientierung und Verlorenheit, Sichtbarkeit und Verschwinden, an der Grenze zwischen bewusster Wahrnehmung und innerem Bild.

© Foto: Adam Dreessen

Als ehemalige Meisterschülerin von Christian Macketanz an der Hochschule für Bildende Künste Dresden verbindet Dominique Hille eine präzise malerische Sensibilität mit einer Bildsprache, die Naturraum und seelische Topografie miteinander verschränkt. Die Entscheidung für traditionelle Techniken – Öl- und Kaseinmalerei, Kreiden, Tusche und natürliche Pigmente – ist dabei nicht allein eine materialästhetische oder nachhaltige Haltung. Die unterschiedlichen Bindemittel und Malmittel erzeugen Oberflächen von wechselnder Dichte und Transparenz. Lasuren stehen neben kreidigen Partien, zeichnerische Einschreibungen neben reichen-pastosen Farbsetzungen. Dadurch entsteht kein homogener Bildraum, sondern ein Gefüge aus Überlagerungen und Durchlässigkeiten, in dem sich Landschaft, Figur und Zeichen wechselseitig durchdringen. Darin lassen sich Bezüge zu künstlerischen Positionen erkennen, die Natur, Körper und Erinnerung nicht als getrennte Bereiche, sondern als miteinander verflochtene Erfahrungsräume begreifen.

© Foto: Adam Dreessen

Die Bildwelt der Künstlerin lässt sich in einen Dialog mit Carl Gustav Jungs Symbolverständnis stellen, ohne sich auf eine eindeutige ikonographische Lesart festzulegen. Dies zeigt sich exemplarisch in der titelgebenden Arbeit der Schau. Mehrere Baumstämme gliedern den Bildraum hier als vertikale Achsen. Sie erscheinen weniger als landschaftliche Elemente denn als vermittelnde Strukturen zwischen Erde und Himmel, Bewusstem und Unbewusstem – eine Bedeutung, die dem Baum auch in Jungs Symbolverständnis zukommt. Zwischen ihnen senkt sich ein schmaler blauer Farbstrom herab, der sich teilt und im unteren Bildbereich in eine gewölbte Kontur eindringt. Die Komposition ruft das Motiv des sich öffnenden Eies in Erinnerung, das im Liber Novus zu den eindrücklichsten Bildern einer seelischen Wandlung gehört. Besonders in der Izdubar-Episode wird das Ei zum Gefäß eines neuen Selbst; es steht weniger für Geburt als für einen Prozess innerer Neuformung. Hille übernimmt dieses Motiv nicht illustrativ, sondern übersetzt es in eine eigenständige malerische Konstellation.

Am unteren Bildrand treten lediglich vage konturierte menschliche Silhouetten in Erscheinung. Ihnen gegenüber steht ein geometrischer Körper, auf dem eine Mondsichel ruht – ein Zeichen zyklischer Wandlung und rhythmischer Zeit. Die Figuren scheinen diesem Symbol nicht zu begegnen, um es zu entschlüsseln, sondern vielmehr, um sich ihm auszusetzen. Es entsteht kein narrativer Zusammenhang, sondern ein Spannungsfeld zwischen Landschaft, Symbol und Wahrnehmung.

© Foto: Adam Dreessen

Auch andere wiederkehrende Motive ihres Werkes lassen sich mit Jungs Bildwelt in Beziehung setzen, ohne auf feste Exegesen resp. Bedeutungen reduziert zu werden. Pfeile fungieren als Bewegungsvektoren innerhalb der Komposition und lenken den Blick durch den Bildraum. Das Labyrinth gehört zu den klassischen Bildern der Individuation; es beschreibt keinen geradlinigen Weg, sondern einen Prozess der Annäherung an ein inneres Zentrum. Steine und Felsformationen verweisen auf den lapis philosophorum der Alchemie, den Jung als Symbol des Selbst deutete – als Bild von Dauer, Verdichtung und Ganzheit. Arabesken durchziehen die Bildräume wie rhythmische Einschreibungen. Ähnlich wie im Liber Novus erfüllen sie weniger eine dekorative als eine strukturierende Funktion; sie erzeugen einen visuellen Rhythmus, der an mittelalterliche Handschriften ebenso erinnert wie an mandalaartige Ordnungen.

Eine besondere Stellung nimmt in Hilles Werk die Auseinandersetzung mit Licht und Schatten ein. Sie dienen nicht allein der Modellierung von Raum oder Atmosphäre, sondern strukturieren die Bildaussage selbst. In Jungs Psychologie bezeichnet der Schatten jene Persönlichkeitsanteile, die dem bewussten Selbst zunächst verborgen bleiben und dennoch wesentlich zur Ganzheit des Menschen gehören. Hille überträgt dieses Verständnis in eine malerische Symbolik, indem sie Transparenz und Verdichtung, Helligkeit und Dunkelheit nicht als Gegensätze auflöst, sondern in ein dauerhaftes Spannungsverhältnis setzt. Licht und Schatten werden zu Trägern eines Bilddenkens, das weniger von Polarität als von Durchlässigkeit geprägt ist. Sichtbares und Verborgenes, Bewusstes und Unbewusstes bleiben aufeinander bezogen und entfalten ihre Wirkung erst im Wechselspiel.

Dominique Hilles Arbeiten erschöpfen sich nicht in der bloße Repetierung und Aufnahme einzelner Symbole. Vielmehr untersucht sie die Fähigkeit archetypischer Bilder, Bedeutsamkeit über ihre historische Herkunft hinaus zu entfalten. Naturformen, Zeichen und malerische Prozesse werden zu Trägern eines offenen Bilddenkens, das sich zwischen innere Wahrnehmung, Erinnerung und Imagination entfaltet. Gerade darin liegt die Virulenz ihrer Malerei: Sie versteht die Symbolik nicht als festgelegte Chiffren, sondern als bewegliche Form des Denkens, die die Betrachtenden in einen Prozess des Sehens und Deutens einbezieht.

© Foto: Adam Dreessen

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