andreas bräunsdorf ° gouachen


25. April – 30. Juni 2026

In der Ausstellung werden erstmals Gouachen des jüngst verstorbenen Malers Andreas Bräunsdorf gezeigt. In seinen Arbeiten überführt der Künstler unscheinbare Topografien des Alltags in konzentrierte, spannungsvoll komponierte Bildräume, die zwischen Erinnerung und visueller Nüchternheit des Wahrgenommenen changieren.

Midissage am Samstag ° 30. Mai 2026 ° 14 – 18 Uhr
p66.gallery ° Plattleite 66 ° 01324 Dresden

Andreas Bräunsdorf ° Gouache auf Papier ° 42 x 59 cm ° 2014

Topographien der Ortlosigkeit

Gouachen von Andreas Bräunsdorf
Essay von Katharina Arlt

Häufig wiederkehrende Sujets im Werk von Andreas Bräunsdorf sind urbane Szenen, insbesondere Straßenzüge mit all ihren profanen Insignien der Zivilisation, ihren Brüchen, Wunden und Anzeichen der Unwirtlichkeit. Vor allem in der Peripherie der Stadt, die neben ihrem Massenwohnungsbau überwiegend als Logistikfläche und Verkehrsinfrastruktur erscheint, denn als Lebensraum, findet der Künstler in den Jahren von 2007 bis 2014 seine eigentlichen Motivregionen. Es sind autobiographisch besetzte Stadtrandzonen in Heidenau und Dresden, die Bräunsdorf in seinem Alltag beeinflussen. Oft übersehene Transitstrecken, wie etwa der Tank- und Rastplatz „Dresdner Tor“, den er häufig passieren musste, um von A nach B zu gelangen. Keine Orte also, die zum Verweilen einladen. „Orte des Ortlosen“ nennt der französische Ethnologe Marc Augé (1935–2023) jene Räume, die keine individuelle Identität stiften, keine gemeinsame Vergangenheit haben und keine sozialen Beziehungen schaffen. Einsamkeit und Gleichförmigkeit sind die Folge.

Auch in der Wahl der Malmittel spiegelt sich der unprätentiöse Zugang des Künstlers. Er greift auf Dispersionsfarben zurück, wie sie zum Streichen von Innenraumwandflächen Verwendung finden, und einen situativ verfügbaren Malgrund, etwa einen Karton oder die Rückseite eines Kalenderblatts. Einige der so entstandenen Kompositionen dienten Andreas Bräunsdorf späterhin als Studien für großformatige Motive in Öl auf Leinwand. Die gedämpfte Farbigkeit in gebrochener Chromatik unterstreicht einmal mehr die Alltäglichkeit und die latente Tristesse der Atmosphäre, der hier als „Gouachen“ bezeichneten Arbeiten. In Materialität und Chromatik erwecken sie den Eindruck einer gewissen „Rohheit“ und bewussten „Anti-Ästhetik“. So zeigt eine Komposition Bräunsdorfs vom 25.04.2014 eine jener postindustriellen Alltagslandschaften, die sich als typisch periurbane Übergangszone beschreiben lässt – ein Ort am Rand der Stadt, in dem sich Wohnen, Verkehr und Konsum überlagern. Der dargestellte Raum ist geprägt von einer breiten, nahezu platzartigen Gehwegfläche, einer angrenzenden Straße mit parkenden Autos sowie einer kommerziellen Architektur, die durch eine auffällige Leuchtreklame dominiert wird. Ergänzt wird dieses Ensemble durch spärliche Grünanlagen und eine lose verteilte Gruppe von Passant:innen. Die Komposition einer frühen Abendstimmung in der Vorstadt intendiert dabei weniger die Darstellung eines konkret identifizierbaren Orts, als vielmehr einen typisierten Raum, der an deutsche Stadtrand- oder Versorgungslandschaften erinnert und als funktional organisierte Alltagsumgebung erscheint. 

In seiner Wirkung bleibt dieser Ort zunächst anonym und unspektakulär. Doch gerade durch die malerisch naivistisch-summarische Umsetzung wird er aus der reinen Dokumentation herausgelöst und in einen Zustand zwischen Beobachtung und Erinnerung überführt. Der Raum wirkt leicht entrückt, als handele es sich um eine kondensierte, subjektiv gefilterte Wahrnehmung eines vertrauten Umfelds. Die Farbigkeit des Bildes ist insgesamt gedämpft und von gebrochenen Grau-, Braun- und Grüntönen bestimmt. Einzelne kräftige Farbakzente, insbesondere in der Reklame, setzen Kontraste, ohne jedoch die zurückhaltende Gesamtstimmung aufzuheben. Die malerische Oberfläche wirkt matt und verhehlt keinesfalls die Materialität der einfachen Gebrauchsfarbe. Der Pinselduktus bleibt sichtbar und ist mehrheitlich skizzenhaft. Details werden nicht vollständig ausgearbeitet, sondern eher angedeutet, wodurch sich eine Spannung zwischen Präzision und Auflösung ergibt. 

Diese malerische Offenheit trägt dazu bei, dass der dargestellte Ort nicht als fest umrissene Realität erscheint, sondern als ein in der Wahrnehmung oszillierender Raum. Insgesamt entsteht so ein Bild, das ein scheinbar banales Motiv in eine reflektierte Bildordnung überführt. Der dargestellte Stadtrand wird zu einer Art mentalem Raum, in dem sich funktionale Alltagsarchitektur und subjektive Wahrnehmung überlagern. Die Kombination aus reduzierter Farbigkeit, offener Malweise und einer Komposition, die Leere und Tiefe zugleich betont, transformiert den Ort in eine Bühne sinnentleerter Funktionsorte, die zwischen konkreter Beobachtung und innerem Bild angesiedelt ist.

In zahlreichen Kompositionen dieser Schaffensperiode Bräunsdorfs begegnen uns vereinzelte Rad- oder Motorradfahrende sowie Fußgänger:innen als statistengleiche Figuren innerhalb weitgehend entvölkerter ländlicher oder kleinstädtischer Szenerien. Niedriggeschossige Wohnbauten der 1930er- und 1950er-Jahre, Tank- und Baustellen, mitunter auch Einfamilienhäuser und Vorstadtvillen strukturieren den Bildraum. Diese von wechselnden Witterungsbedingungen geprägten Räume werden immer wieder von Fahnen- und Strommasten, Straßenbahngleisen, Pflasterungen, Fahrbahnmarkierungen, Sonnenschirmen und Verkehrszeichen durchkreuzt. Bräunsdorf bevorzugt Kompositionen mit starken An- und Ausschnitten. Insbesondere asphaltierte Straßen und stereotype Raster des Trottoirs treten dabei aus ihrer funktionalen Rolle hervor und werden zu eigentlichen Bildakteuren der Szenerie, indem sie den Fokus der Aufmerksamkeit binden und die Wahrnehmung des Raums maßgeblich bestimmen. So entsteht eine stille, von sachlicher Klarheit geprägte Bildwelt, deren kühle Zurückgenommenheit eine eigentümliche ästhetische Präsenz entfaltet. Zeichenhaft reduzierter Vogelflug, Regenschauer oder Schneefall durchziehen in abbreviativen Kürzeln die gewitterverhangenen oder strahlend blauen Himmel und verstärken die Atmosphäre einer visuell nüchternen und zugleich sensitiv-verhaltenen Eindringlichkeit.

In einer weiteren, offenen Werkreihe der Jahre zwischen 1999 und 2007werden Durchgangs- und Übergangszonen im suburbanen oder kleinstädtischen Milieu zum Thema. Hierbei interessieren Andreas Bräunsdorf Schwellenräume von Innen und Außen, Offenheit und Entgrenzung eines Ortes. Es sind mitunter Einkaufspassagen, Cafés, Interieurs, Schlossanlagen und Parks, die seinen Blick beschäftigen. Auch hier erscheint die menschliche Figuration ohne narrative Aspekte lediglich in den Raum integriert. 

Zum gleichen Zeitpunkt entstehen minimalistische Selbstportraits Bräunsdorfs in seinem Atelier. Meist im Profil, mit freiem Oberkörper als Ganz- oder Halbfigur, durchmisst er aktiv die ihm vertraute Umgebung in demonstrativ vorwärtsschreitendem Gehen. In ihrer auffallenden Reduktion, die nur noch vage an einer gegenständlichen Malerei festhält, sich mehr und mehr von ihr zu lösen beginnt, sind die Arbeiten dieser Werkphase von einer bewusst vereinfachten Formensprache geprägt. Die Perspektive mutet leicht instabil, respektive naivistisch gebrochen an, wodurch der Raum weniger konstruiert als vielmehr flächig organisiert erscheint. Der malerische, fast zeichnerische Duktus ist locker und skizzenhaft, mit sichtbar gesetzten, teils breiten Pinselzügen, die Konturen eher andeuten als präzise ausführen. Die Formen bleiben offen und wirken in Teilen nur summarisch erfasst, was der Darstellung eine gewisse Unmittelbarkeit verleiht. Das Kolorit ist stark reduziert und nahezu monochrom gehalten: Vorherrschend sind abgestufte Grauwerte, die nur minimal differenziert werden. Diese tonale Beschränkung verstärkt die nüchterne, zurückgenommene Atmosphäre und lenkt den Fokus auf Struktur, Fläche und Raumordnung.

Bereits während Bräunsdorfs Meisterschülerzeit bei Ralf Kerbach an der Hochschule für bildende Kunst in Dresden entstehen flüchtige, in wenigen Minuten rasch hingeworfene Motive auf kleinformatigem Papiergrund. Meist im abendlichen Selbststudium „produziert“ der Künstler unzählige Stapel seiner „Sekundenmalerei“. Häufig sind es häusliche Szenen im eigenen Wohnraum: die Partnerin beim Ankleiden, dem Verrichten der Hausarbeit oder eine Zimmerpflanze auf dem Fensterbrett. Nichts ist ihm zu unwichtig, um es in vehementen, breiten Pinselzügen als bloßen Formzusammenhang anzudeuten.

Auch hier bedient er sich simpler malerischer Medien: kreidehaltige, opake Gouache, deren hoher Füllstoffanteil zu einer matten, stumpfen Oberfläche führt, wird auf dünnem, holzhaltigem Papier stellenweise stark verdünnt und lasierend, an anderen Partien wiederum deckend aufgetragen. Dadurch entsteht ein Wechselspiel zwischen durchscheinenden und verdichteten Farbzonen. Die Malweise wirkt insgesamt offen und prozesshaft. Pinselspuren bleiben sichtbar, Formen werden nur angedeutet und lösen sich teilweise in farbige Flächen auf. Konturen sind nicht klar definiert, sondern entstehen vielmehr aus dem Zusammenklang der Farbwerte. Der gegenständliche Gehalt der Kompositionen wird durch die malerische Auflösung stark relativiert. Ebenso verliert der Bildraum seine eindeutige Definition und wird eher als fragmentierte, subjektive Bildvorstellung wahrgenommen, in der Figur und Umgebung ineinander übergehen. Insgesamt oszillieren die Blätter jener Jahre zwischen figurativem, bildnerischem Anlass und malerischer Abstraktion. Sie thematisieren weniger ein kohärentes, geschlossenes Bildgeschehen, denn den malerischen Prozess und die Auflösung von Körper und Raum in Farbe.

Andreas Bräunsdorfs Atelier auf Schloss Scharfenberg (Klipphausen) ° Oktober 2025 ° Foto: Adam Dreessen

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