jürgen schmidt ° lunchbox

Popup-Ausstellung vom 11. bis 25. April 2026

Begleitender Event:
Vernissage am 18.4.2026 von 14 bis 18 Uhr
p66.gallery ° Plattleite 66 ° 01324 Dresden

Weiterführende Links:
https://juergenhschmidt.weebly.com/

In seiner fotografischen Serie „Lunchbox“ verdichtet Jürgen Schmidt heterogene, über Jahrzehnte entstandene Bildfragmente zu einer retrospektiv konstruierten Folge, die den alltäglichen Erfahrungsfluss eines Tages zwischen Morgen, Nachmittag und Abend in einer ästhetischen Ordnung reflektiert.

Zwischen Bruch und Einheit der Erfahrung

Zur Fotoserie „Lunchbox“ von Jürgen Schmidt

Essay von Katharina Arlt

“The rhythm of loss of integration with environment and recovery of union […] becomes conscious with him; its conditions are material out of which he forms purposes. Emotion is the conscious sign of a break […]. The discord is the occasion that induces reflection […]. The artist […] does not shun moments of resistance and tension. He rather cultivates them […] bringing to living consciousness an experience that is unified and total.”
— John Dewey, Art as Experience, New York, 1934, S. 17.

John Dewey (1859–1952), US-amerikanischer Philosoph des Pragmatismus, begreift Erfahrung als fortlaufenden, dynamischen Prozess. In seinem Werk Art as Experience (1934) wendet er sich gegen jede Trennung von Kunst und Leben, von ästhetischem Erleben und alltäglicher Wahrnehmung. Jede lebendige Erfahrung, so Dewey, enthält bereits ein ästhetisches Potenzial – Momente von Intensität, Spannung, Rhythmus und Vollendung.

Gerade darin liegt für Dewey das notwendige Paradox: Wenn Erfahrung als Einheit begriffen wird, dann nicht, weil sie bruchlos verläuft, sondern weil sie Brüche integriert. Emotionen sind das bewusste Zeichen solcher Unterbrechungen – jener Momente, in denen das Verhältnis von Individuum und Umwelt aus dem Gleichgewicht gerät. Erst im Rückblick, in der Reflexion, werden diese Diskontinuitäten zum Ausgangspunkt ästhetischer Formbildung. Der Künstler „kultiviert“ also den Bruch nicht um der Störung willen, sondern um in ihr die Möglichkeit einer neuen, bewussten Einheit zu finden.

Deweys Begriff der Erfahrungseinheit (an experience) bezeichnet dabei jene abgeschlossenen Sequenzen innerhalb des fortlaufenden Lebensprozesses, die sich durch ihre innere Geschlossenheit, ihren Rhythmus und ihre Form vom ununterbrochenen Fluss des Erlebens abheben. Solche Erfahrungseinheiten sind keine gegebenen Objekte, sondern entstehen retrospektiv – im Erinnern, im Denken oder im künstlerischen Handeln. Erst die Reflexion trennt die Erfahrung in unterscheidbare Abschnitte und lässt ihre innere Struktur hervortreten.

Diese Strukturierung ist jedoch kein Akt der Zerstückelung, sondern ein Moment der Bewusstwerdung: Das fortlaufende Leben, in dem Wahrnehmung und Handlung ineinander übergehen, wird im Rückblick in abgeschlossene Erfahrungssequenzen überführt – in Gestalten, die Bedeutung tragen, Spannung und Lösung, Anfang und Vollendung besitzen. In ihnen zeigt sich das ästhetische Prinzip, das Dewey als „Form der Erfahrung“ beschreibt.

So ist Deweys Ansatz durchaus so zu verstehen, dass das ganze Leben eine potenzielle Erfahrungseinheit darstellt, die erst im Rückblick, im Denken, Erinnern oder Gestalten in ihre Einzelbestandteile zerlegt wird. Die ästhetische Erfahrung entsteht dann, wenn diese Fragmente nicht bloß nebeneinanderstehen, sondern in einer nachträglichen bewussten Ordnung, in einer reflektierten Gestalt, neu verbunden werden. Kunst ist für Dewey keine Flucht aus dem Alltag und auch kein reines Abbild des Lebens, sondern eine Form seiner Wiedervereinigung und Integration: Sie macht sichtbar, dass Bruch und Zusammenhang, Spannung und Harmonie, Fragment und Einheit aufeinander angewiesen sind. In der ästhetischen Erfahrung erfüllt sich, was Dewey das „Wiedererlangen der Kontinuität des Lebens“ nennt, ein Bewusstsein, in dem das Fragmentarische nicht verschwindet, sondern als notwendiger Teil des Ganzen erfahren wird.

In seiner fotografischen Serie „Lunchbox“ rekurriert der Dresdner Künstler Jürgen Schmidt indirekt auf das von Dewey beschriebene Reflexionsmoment der Erfahrung: Die Trennung, Neuordnung und bewusste Integration ursprünglich fließender Erlebnisse zu einem strukturierten, ästhetischen Ganzen. Ausgangspunkt seiner Folge sind mehrheitlich in Schwarzweiß aufgenommene, analoge Fotografien, die er nachträglich individuell digital koloriert, um eine chromatische Einheit, einen formalen Zusammenhang zu erzeugen. Denn das Corpus der Folge geht keinesfalls auf eine homogene Werkgenese zurück. Die Arbeiten entstanden zu unterschiedlichen Zeiten, in wechselnden Kontexten und über verschiedene technische Aufnahmemedien, ursprünglich ohne die Intention, eine Serie zu bilden. 

Schmidt evoziert bewusst eine malerische, fast piktorialistische Bildwirkung, die nicht nur mittels des Nachkolorierens, sondern bereits über die gewählte Aufnahmetechnik hervorgerufen wird. So entsteht etwa eine weiche Bildschärfe, indem er einfache Point-and-Shoot-Kameras mit Plastiklinsen verwendet oder eine Großformatkamera mit flüssigkeitsgefülltem Objektiv einsetzt, die das Gegenüber entrückt und überzeichnet erscheinen lässt. Die Aufnahmen der Folge entstanden in einem Zeitraum von 1976 bis 2024, vielfach im Rahmen anderer fotografischer Projekte des Künstlers oder als freie, experimentelle Versuche.

Erst die nachträgliche, retrospektive Montage, das bewusste Zusammenstellen ursprünglich unverbundener Bilder und ihre bewusste Kolorierung überführen sie in eine neue Ordnung und in eine gemeinsame Form. So gliedert Jürgen Schmidt seine Serie „Lunchbox“ in drei inhaltlich übergeordnete Sinneinheiten, die den Ablauf eines Tages fingieren. Mit „Early Morning“ treten wir in den Erfahrungsfluss und die Vorstellungswelt mehrerer Protagonisten ein: Das Brustbildportrait eines unbekleideten jungen Mannes, dessen Blick gen Off des linken Bildrands gerichtet ist, bildet den Auftakt. Die im Studio mit entsprechender Ausleuchtung und Stativ entstandene Großformataufnahme weist eine ungewöhnliche Farbgebung auf. Jürgen Schmidt unterzog sie, wie auch die folgenden Portraitfotografien, einer nachträglichen digitalen Kolorierung (via KI-Software und individueller Nachbearbeitung), die dem ursprünglich analogen Bild eine eigentümlich kühle, kontrollierte Chromatik verleiht und im Verlauf der Folge stetig wiederkehrt. Das Inkarnat erscheint in blassen, fast transluzenten Tönen, die den Körper von seiner physischen Materialität lösen und ihm eine stille, ikonische Präsenz verleihen. Vor dem gleichmäßig hellblauen Fond hebt sich die Figur regelrecht als skulpturale Erscheinung ab, während die grafische Struktur der Körperbehaarung einen gegenläufigen Akzent setzt. Hier entsteht eine zeichnerische Verdichtung, die an die Herkunft des Bildes aus der analogen Fotografie gemahnt. So erwächst eine ambivalente Bildwirkung zwischen Körper und Oberfläche, Dokument und Konstruktion. Die assoziierte Kontinuität der Reflexion fortsetzend lässt Jürgen Schmidt dieser wohl komponierten Studioaufnahme das Fragment eines weiteren Wirklichkeitsausschnitts folgen. Wir sehen die spontan aus der Hand fotografierte Ansicht eines öffentlichen Waschbereichs. Das Waschbecken erscheint in leicht diagonaler Achse, im dahinterliegenden Spiegel verdoppelt sich der nüchterne Funktionsraum zu einer stillen, fast abstrakten Komposition aus Fläche, geometrischen Achsen, Licht und Reflex. Farbigkeit und Ausschnitt muten authentisch und situativ an. Der Aufnahme gegenübergestellt wird eine weitere elaborierte Studioaufnahme, diesmal einer jungen Frau im Brustbild. Auch sie ist nicht vollständig bekleidet, hat die Augen sinnend geschlossen, als treibe sie kurz nach dem Erwachen noch im morgendlichen Taumel des vergangenen Traums. 

Das Narrativ des frühen Morgens findet in stilistisch unterschiedlichen, assoziativen visuellen Notaten seine Fortsetzung. Wie etwa im Fensterausschnitt auf eine von Hochhausarchitekturen markierte Großstadt, die flüchtig gesehene Seitenansicht eines Radfahrers im urbanen Raum. Schmidt verwendet Vorsatzlinsen, die er seinem Smartphone vorblendet, um auf diese Weise bewusst den Fokus der Aufnahmen zu trüben, Effekte wie Randunschärfe und starke chromatische Aberrationen herbeizuführen, einst Kennzeichen optischer Insuffizienz historischer Kameramodelle.

Während die „Portionierung des Tages“, im Sinne des Mottos der Serie „Lunchbox“, voranschreitet, umkreisen die Fotografien das Sujet als lockere Korrespondenzen, ohne konkrete Lesarten zu forcieren. Das Detail eines Displays mit dem nach oben gerichteten, roten Pfeil mag an einen Personenaufzug in einem Bürogebäude erinnern, die Nahaufnahme einer Fellzeichnung dichter Tierhaare an den Hund, der morgens von seinen Haltern ausgeführt wird, während ein aus Aufsichtsperspektive gesehener nackter Unterschenkel nebst turnschuhtragendem Fuß das Netz von Bezügen zu morgendlichen Aktivitäten fortspinnt.

Der Tagesbeginn stellt eine Schnittstelle kollektiver und individueller Erfahrung dar. Während soziale Strukturen und Routinen ein geteiltes Zeitraster schaffen, bleibt die konkrete Wahrnehmung des Morgens in Licht, Temperatur und Stimmung subjektiv gebunden. Die Vielzahl dieser Perspektiven in der Serie „Lunchbox“ bildet ein Feld synchroner Differenzen: eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen.

Die innerhalb der Folge durch Jürgen Schmidt zeitlich wie thematisch gesetzten Zäsuren von „Early Morning“, „Afternoon“ und „Evening“ exerzieren imaginierte Tagesläufe, die trotz ihrer Ausschnitthaftigkeit und der bewusst experimentell gehaltenen Ästhetik ein Kontinuum der Wahrnehmung entwerfen. Ungeachtet des weitestgehenden Verzichts auf Umraum und konkrete topografische Charakteristik lassen allein Details der Kleidung, Hautfarbe und Habitus Rückschlüsse auf soziale Rollen und Lebensformen der aufgenommenen Personage zu. So verdichten sich in der Bildfolge „Lunchbox“ Alltagsrituale einer westlich geprägten, spätindustriellen Gesellschaft, Momente einer vermeintlichen Normalität, die von Stabilität, Versorgung und Selbstverständlichkeit erzählen. Die dargestellten Szenen, das morgendliche sorgenfreie Aufstehen, der Weg zur Arbeit, Gesten der Langeweile im Büro, Sorge um Fitness und Haustier, gehören zu einer Erfahrungswelt, in der Sicherheit, Hygiene und Komfort als Grundrechte erscheinen. Doch diese Perspektive ist bekanntermaßen nicht universell: Sie bleibt jenem Teil der Welt vorbehalten, dessen soziale, politische, wirtschaftliche und technologische Infrastruktur eine Kontinuität des Alltags überhaupt ermöglicht. In ihrer stillen Selbstverständlichkeit schließt die Bildwelt jene Wirklichkeiten aus, in denen der Tageslauf von Mangel, Unsicherheit oder Prekarität geprägt ist und wird so zum Dokument einer privilegierten Sphäre.

Die Bildfolge findet ihren Abschluss im Kapitel „Evening“. Vor unserem Auge tauchen im Anschnitt Wartende auf, Menschen in Bewegung, Fotografierende in urbanem Setting, das Detail eines parkenden Geländewagens, ein Tisch im Restaurant, die brennende Kerze, das flimmernde Bild eines alten Kathodenstrahlröhrenfernsehers und schließlich der Mond, oder das was unser Auge als solchen entziffert. Diese finalen Motive öffnen den Blick über den Tag hinaus und lassen eine Atmosphäre der Rückschau entstehen, eine latente Melancholie, in der sich private und kollektive Erinnerung überlagern. In der Rückschau auf eine von industrieller Ordnung, medialer Regelmäßigkeit und familiärer Fürsorge geprägte Zeit, als die Ansagerin des Abendprogramms noch das Ritual der Hauptsendezeit markierte, erscheint eine Generation, deren Alltag von einem Grundvertrauen getragen war. Dieses Vertrauen, eingelassen in Routinen wie den gefüllten Pausenbrotbehälter, den geregelten Arbeitsweg oder das Licht einer Lampe zur immer gleichen Stunde, wirkt heute wie ein Relikt einer anderen Stabilität. Schmidts Fotografien verhandeln diesen Wandel nicht als Verlust, sondern als subtiles Erinnern: Sie zeigen, dass selbst die kleinsten Rituale Träger gesellschaftlicher Ordnung sind und dass in ihrem Verschwinden die Fragilität unserer Gegenwart sichtbar wird.

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